Am Anfang stand die Architektur

Was Unternehmen in der Transformation von erfolgreichen Stadt­entwicklungs­projekten lernen können

Wenn Architektur einfach funktioniert

Um die Mittagszeit taucht die Sonne den weitläufigen, mit Sandstein überzogenen Platz in ein wärmendes Gold. Die ge­schwun­genen Holz­terrassen in der Mitte sind jetzt gut gefüllt. Viele hier sind Invest­ment Banker und Berater. Auf einer Holzbank sitzen ein paar Jugendliche, daneben steht eine Gruppe von Bau­arbeitern. Aus dem benach­barten Café dringt leise Musik, am Rande des Platzes serviert ein mobiler Kaffee­stand frischen Espresso. Die umge­benden Hoch­häuser bilden eine eindrucks­volle Kulisse. Ein urbaner und zugleich einladender Ort, der rund um die Uhr zum Verweilen einlädt.

Was hier im Herzen der Frankfurter City entstanden ist, gilt bereits kurz nach Fertig­stellung als eine der erfolg­reichsten städte­bau­lichen Transfor­ma­tionen in der jüngeren Stadt­geschich­te. Mit dem Frankfurt Four wurde auf einem ehemaligen Areal der Deutschen Bank ein Gebäude­komplex aus vier Hoch­häusern mit Büro­arbeits­plätzen für ca. 4.000 Menschen und ca. 600 Apartments errichtet. Das neue Quartier beher­bergt darüber hinaus ein Hotel, einen Super­markt, einen Food­court, eine öffentlich zugängliche Dach­terrasse sowie mehrere Restaurants und Bars.

Warum die Architektur hier einfach funktioniert

Der Erfolg dieser Transfor­mation ist kein Zufall, sondern zu einem wesentlichen Teil auf die sorgfältig durch­dachte Architektur zurück­zuführen. So sind etwa die vier Türme in der Höhe gestaffelt und wie die Flügel einer Wind­mühle zueinander gedreht. Dadurch wird der Tageslicht­einfall optimiert und die Verschat­tung reduziert. Gleich­zeitig sind die Türme teilweise leicht nach außen geneigt, wodurch die Grund­fläche optimal ausge­nutzt werden kann.

Auch bildet das Four keinen Fremd­körper, sondern fügt sich harmo­nisch in seine Umgebung ein. So wurden etwa auf der Nord­seite denk­mal­geschützte Fassaden in das Ensemble integriert. Nach Westen leiten die Hochhäuser in die benach­barte Skyline über. Zur Straße hin öffnet sich der Komplex zu einem hellen und großzügig gestalteten Platz mit Bäumen und Sitz­gelegen­heiten. Durchgänge schaffen Verbin­dungen zu allen umlie­genden Straßen. So bildet das Four ganz automatisch den Mittel­punkt vieler Wege, die Menschen jeden Tag durch die Stadt nehmen.

Die Architektur des Four ist damit ein gutes Beispiel für das bereits 1979 von Christopher Alexander propagierte Paradigma, die Bedürf­nisse der Menschen und ihre Verhaltens­muster in den Mittelpunkt der Architektur­gestaltung zu rücken. Ben van Berkel, der Architekt des Four, spricht in diesem Zusammen­hang von einer »Planung im Uhr­zeiger­sinn«. Zentral seien die Fragen, wie Menschen ihren Tag verbringen, welche Wege sie gehen und welche Infra­struktur sie dafür benötigen.

Auf dem Platz in der Mitte des Four kann man beobachten, was das praktisch bedeutet: Hier wurde ein über Jahr­zehnte hinweg abge­schotteter Hochhaus­block in ein durch­lässiges urbanes Quartier – einen neuen Hotspot – verwandelt. Aber was hat das mit der Transfor­mation von Unter­nehmen zu tun und was können wir aus diesem Beispiel lernen?

Am Anfang stand der Wettbewerb

Startpunkt für das Four in seiner heutigen Form war ein städte­bau­licher Ideen­wett­bewerb. Dazu wurden zunächst die Anfor­derungen und Rahmen­bedin­gungen definiert. Auf dieser Grundlage wurde anschlie­ßend eine inter­nationale Ausschrei­bung durchgeführt, an der sich zahlreiche nationale und inter­nationale Architektur­büros beteilig­ten. Im Rahmen dieses Wett­be­werbs wurde der Entwurf des Amster­damer Architektur­büros UNStudio als Gewinner ausgewählt. Die Auswahl erfolgte durch ein breit besetztes Preis­gericht aus Vertretern der Stadt, Architektur- und Städte­bau­experten sowie dem Bauherrn anhand der zuvor festgelegten Kriterien. Hieran schloss sich ein weiterer Wett­bewerb zur Architektur der einzelnen Gebäude an. Erst danach begann die eigentliche Umsetzung.

Was Unter­nehmens­trans­forma­tionen daraus lernen können

Unternehmens­trans­for­ma­tionen sind städte­baulichen Transfor­mationen strukturell ähnlich. Auch hier gibt es zahl­reiche unter­schiedliche Stake­holder und Interessen sowie meist eine bereits über Jahr­zehnte gewachsene Unter­nehmens­landschaft. Auch hier müssen unter­schiedliche Interessen etwa einzelner Fach­bereiche, der IT und der Konzern­leitung ausgeglichen und in einer indivi­duellen Gesamt­architektur zusammen­geführt werden. Und auch hier kommt der Integration des Neuen in das Bestehende und der gemein­samen Ausrichtung auf die strategischen Ziele zentrale Bedeutung zu. Dies gilt auch und gerade im KI-Zeitalter, denn die Architektur eines ganzen Unter­nehmens lässt sich auch hier nur mit viel Zeit- und Reibungs­aufwand verändern.

Und dennoch werden solche Trans­formations­projekte oft ausgehend von vergleichs­weise vagen Zielen gestartet. Zielbilder werden dabei nur selten verwendet, sind oft nicht zielgruppen­gerecht oder werden nicht stringent kommuniziert. Dies führt zu Unklarheiten und Konflikten. Das Ergebnis ist oft ein Neben­einander von einzelnen Lösungen, große Unzufriedenheit der betroffenen Mitarbeiter und letztlich ein schlechtes strate­gisches Alignment. Im schlimmsten Fall scheitern Groß­projekte sogar ganz und hinter­lassen einen großen materiellen und kultu­rellen Schaden.

Wie Architektur die Trans­for­mation unterstützt

Das Beispiel des Four zeigt eindrucks­voll, wie es anders geht und wie komplexe Transfor­ma­tionen von einer ganz­heitlichen, architek­tur­orien­tierten Vorgehens­weise profi­tieren können. Dies beginnt mit der Einbindung aller wichtigen Stakeholder sowie der syste­matischen Erfassung aller grund­legenden Anfor­derungen und Rahmen­bedin­gungen. Essentiell ist anschließend die Entwicklung und Abstimmung eines gemeinsamen Ziel­bildes. Auch wenn eine solche Architektur­vision zu Beginn noch nicht komplett ausformuliert werden kann und spätere Änderungen unvermeidbar sind: Nur eine gemein­same Vision des zu erreichen­den Ziels schafft die Grundlage für eine strategie­konforme Trans­for­mation.

Die Entwicklung einer Architektur­vision ist dabei keine leichte Aufgabe und erfordert oft das Denken in alter­nativen Szenarien. Analog zum »Architektur­wett­bewerb« können daher auch hier unter­schiedliche Varianten entwickelt, durchdacht und bewertet werden. Da viele Faktoren zu Beginn des Vorhabens noch nicht hinreichend klar sind, müssen bei der Szenario­ent­wicklung oft Annahmen getroffen und bestimmte Aspekte vage gehalten werden. Architektur­visionen sind daher noch keine fertigen Bau­pläne. Sie legen nur die grund­sätzliche Aus­richtung und die Prinzipien fest, nach denen Strategie und Stakeholder-Interessen umgesetzt werden sollen. Einer eingängigen und für alle verständ­lichen Beschrei­bung kommt dabei beson­dere Bedeutung zu.

Letztlich muss die für das Unter­nehmen am besten passende Architektur­variante ausgewählt werden. Diese Ent­scheidung sollte auf höchster Ebene getroffen, gut begründet und klar kommuniziert werden. Fortan bildet die Architektur­vision einen wichtigen Orien­tierungs­punkt für alle an der Trans­for­mation Beteiligten und die gesamte Organisation. Analog zur Stadt­ent­wicklung ist die Architektur­arbeit hiermit jedoch keines­wegs abge­schlossen. Vielmehr muss die Architektur weiter ausgear­beitet und kontinuierlich fortge­schrieben werden. Auch grund­legende Ände­rungen müssen dabei jederzeit möglich sein, sollten aber einem trans­parenten und geregelten Verfahren unterliegen. Denn Architektur stellt keinen Widerspruch zu einem agilen Vorgehen dar. Im Gegenteil: Erst die gemein­same Architektur schafft die Voraus­setzung dafür, dass sich die Arbeit auto­nomer Teams am Ende zu einem funktionie­renden Gesamt­system zusammen­fügt. Hierfür sind immer auch verbindliche Architektur­vorgaben (insb. bzgl. Abgren­zung und Schnitt­stellen) und deren Prüfung erforderlich.

Wie man die Archi­tek­tur­arbeit am besten orga­nisiert

In der Praxis hat es sich bewährt, die archi­tek­tur­bezo­genen Aufgaben einer Trans­for­mation in einem Trans­for­mation Archi­tec­ture Office (TAO) zu bündeln. Als wichtige Unter­stützung und »Copilot« des Trans­for­mation Manage­ments kümmert es sich um alle Belange der Architektur. Es schafft Trans­parenz über Zielbild, Abhän­gig­keiten und Architektur­ent­scheid­ungen und stellt sicher, dass die Trans­for­mation auch unter sich verän­dern­den Rahmen­bedin­gungen strate­gisch auf Kurs bleibt. Dazu muss es mit erfahrenen und hierauf speziali­sier­ten internen und / oder externen Architekten besetzt werden. Darüber hinaus muss eine enge Abstimmung mit dem Architek­tur­manage­ment in der Linie und dem organisa­tions­weiten Architektur­board sichergestellt sein. Wichtig ist, dass das TAO unmittelbar mit dem Start der Transfor­ma­tion ins Leben gerufen und bis zum erfolg­rei­chen Abschluss aufrechterhalten wird. Nur so kann das strate­gische Alignment der Trans­for­mation auch in komplexen Situationen gewähr­leistet und das Risiko eines Scheiterns minimiert werden.

Zusammenfassung und Fazit

Erfolgreiche Stadt­ent­wick­lungs­projekte wie das Frankfurt Four zeigen anschaulich, wie komplexe Trans­for­ma­tionen von profes­sio­neller Architektur­arbeit profi­tieren und damit sicher zum Erfolg geführt werden können: Die ganz­heitliche Betrach­tung durch Archi­tek­tinnen und Archi­tekten trägt entscheidend dazu bei, die richtige Balance zu finden und eine nach­haltige Inte­gra­tion in die beste­hende Land­schaft zu ermög­li­chen. Ihr Blick für die grund­legen­den Zusam­men­hänge der Ge­schäfts­archi­tektur gewähr­leistet darüber hinaus die Errei­chung der stra­te­gi­schen Ziele und das strate­gische Align­ment. Last but not least schaffen ihre Ziel­bilder die notwen­dige Klarheit und Orien­tierung, um die Trans­for­ma­tion auch unter schwie­rigen Bedin­gungen auf Kurs zu halten. Executives und Trans­for­ma­tion Manager sollten dies stärker berück­sichtigen und bereits im Vorfeld ent­spre­chender Vorhaben unab­hängige Archi­tekten in ihre Planung ein­be­ziehen.

Referenzen

[1] Wikipedia (2026). Four (Frankfurt am Main). In: Wikipedia, The Free Encyclopedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Four_(Frankfurt_am_Main). Abgerufen am 21.08.2026.

[2] Alexander, Christoph (1979): The Timeless Way of Building. Oxford University Press, New York.

[3] Groß & Partner Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH (2026). Website Four Frankfurt. https://www.4frankfurt.de. Abgerufen am 21.08.2026.

[4] Groß & Partner Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH (2026). Interview mit Ben van Berkel, UNStudio. https://www.4frankfurt.de/de/architekt-entwickler. Abgerufen am 21.08.2026.

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Am Anfang stand die Architektur

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Kategorie
Impuls

Zielgruppe
Executives, Transformation Manager, Chief Architects

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Executive Summary

Veröffentlichung
10.09.2026